Firma Seltmann informiert MdL Annette Karl: Industriekeramiker Verfahrenstechnik nicht zu finden
Präzise führt Lisa Zintl den Pinsel über den Teller. Sie lernt bei Seltmann Weiden im zweiten Jahr Industriekeramikerin in Dekorationstechnik, erklärt sie Annette Karl. Die Landtagsabgeordnete staunt nicht schlecht, mit welch stoischer Ruhe die 17-Jährige aus Schönleiten bei Wiesau ein barockes Dekor mit weniger als einem Millimeter Breite zaubert. Wenig später ist Schluss mit Ruhe. Die SPD-Politikerin will etwas hören zum Thema „Bayerischer Tag der Ausbildung 2012“. Und zwar von einem Betrieb, der viel ausbildet und die Lehrlinge fast vollzählig übernimmt. Seltmann Weiden sei so ein Fall, sagt Annette Karl.
„Wer sich anstrengt, darf bleiben“, sagt Geschäftsführer Josef Kallmeier am Donnerstag im Musterzimmer in die Runde. Mit von der Partie sind auch acht Lehrlinge, vier Ausbilder, Auszubildenden-Vertreterin Sophie Würth – und Betriebsratsvorsitzende Margit Forster. Sie ist es auch, die gleich einhakt, sich wünscht, dass die jungen Leuten früher in Sachen Übernahme Bescheid bekämen. „Im Bürobereich gestaltet sich das schwierig. Hier bilden wir mehr aus, als wir einstellen können. Die Besten dürfen bleiben“, erklärt Kallmeier. Entsprechend seien die Ergebnisse der Abschlussprüfung abzuwarten.
51 Auszubildende in sieben verschiedenen Lehrberufen (Industrie-, Informatikkaufleute, Mediengestalter, Elektroniker, Industriemechaniker, -keramiker und Industriekeramiker Verfahrenstechnik) beschäftigt die insgesamt 1100 Mitarbeiter starke Unternehmensgruppe derzeit. Im September starteten 16 „Neue“. Sie waren teils nur schwer zu finden, klagt Kallmeier. Gar nichts zu holen gewesen sei im Bereich Industriekeramiker Verfahrenstechnik.
„Wir kriegen in diesem eng mit der Branche verknüpften Beruf keine Bewerber mehr.“ Probleme gebe es auch bei der Nachwuchssuche in handwerklichen Lehrberufen: Bei Elektronikern zum Beispiel lasse das Interesse trotz Messen oder Werbemaßnahmen an Schulen spürbar nach. In der Folge fände Seltmann keine „geeigneten Bewerber“. Und die wenigen geeigneten unterschrieben zunehmend mehrere Verträge zugleich. In letzter Minute würden dann viele abspringen. „Drei Mal haben wir das allein heuer erlebt. Das wird zur Unsitte und ist den anderen Bewerbern gegenüber unfair.“
Schulbildung mangelhaft
Inwiefern Bewerber „nicht geeignet“ seien, fragt Karl. „Bei einer Fünf in Mathe habe ich Bedenken“, sagt Kallmeier.
Eine Chance bekämen auch diese Schüler: Mit einem Praktikum können sie in einen Aufgabenbereich hineinwachsen. „Wir wollen ja keine fertigen Azubis“, stellt Kallmeier klar und erzählt von zahlreichen externen Zusatzschulungen für die Lehrlinge auf Kosten der Firma. Die Berufe würden ja immer komplexer. Die Vorbildung der Schüler aber gerate immer schlechter. Die größten Defizite sieht Kallmeier bei den Grundlagen. Es mangle am Prozentrechnen, an der Rechtschreibung und der sozialen Kompetenz. „Viele müssen erst lernen, ältere Kollegen zu grüßen oder den Kunden die Tür aufzuhalten“, erzählt der Geschäftsführer. Verhaltensregeln, deren Vermittlung aber nicht den Schulen aufgebürdet werden dürfe, sagt die vierfache Mutter Karl: „Sonst müssten die Schulen besser ausgestattet werden.“
Apropos Schulen: Da kommen die Auszubildenden zu Wort. Sophia Würth, gelernte Industriekauffrau, klagt darüber, dass sich die verkürzte Lehrzeit von drei auf zwei Jahren auf Bitten der Europa-Berufsschule auf zweieinhalb Jahre aufgestockt wurde.
Nur so könne der Lehrplan bewältigt werden. Das Problem: „Im Januar ist man fertig, die FOS/BOS geht aber erst im September los. Die Zeit dazwischen hängt man in der Luft.“ Weiter wünschten sich die Azubis an der Weidener Berufsschule eine bessere Ausstattung mit Computern – „wir sollen unsere eigenen Laptops mitbringen“ – mehr Sitzplätze, kleinere Klassen und eine bessere Prüfungsvorbereitung.
Einsatz für Wiesau
Zur EDV-Schule in Wiesau sagen Azubis und Ausbilder: „Sie muss bleiben, Frau Karl.“ Die Abgeordnete sieht das genauso: „Da haben Sie mich auf Ihrer Seite.“
Aus Der Neue Tag, Text: mte, Bild: Jürgen Wilke