Die Autoindustrie bietet in Bayern 170 000 Arbeitsplätze. Genauso viele Menschen arbeiten hauptamtlich für die Wohlfahrtsverbände.
Dazu kommen 180 000 Ehrenamtliche. „Wenn man sich also um den einen Bereich sorgt, sollte man den anderen nicht kleinreden“, forderte Thomas Beyer.
Der stellvertretende SPD-Fraktionschef im Landtag und Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt war am Donnerstagnachmittag Hauptredner beim SPD-Sozialempfang in der
Stadthalle Neustadt. Hausherrin war in diesem Fall Annette Karl. Die Fraktionskollegin Beyers hatte rund 150 Vertreter von der Feuerwehr bis zum VdK und von der Caritas bis zur Wasserwacht aus der gesamten Nordoberpfalz zu Gast. Auf die ist die Abgeordnete stolz: „Man lebt gerne in einer Gegend, wo sich die Menschen umeinander kümmern“, sagte sie mit Blick auf die deutsche Spitzenstellung des Landkreises Neustadt/WN in Sachen Ehrenamt.
Die familiäre Atmosphäre am AWO-Tisch oder beim Plausch der Rotkreuzler mit den Diakonievertretern, ließ aber nicht den Fehlschluss
zu, dass gerade im ländlichen Raum die Welt des sozialen Engagements
noch in Ordnung sei. „Ehrenamtliche sind nicht die Hilfstruppen derer, die an den Sozialetats gespart haben“, ging Beyer zum Angriff auf die
Staatsregierung über und erntete dafür heftigen Applaus.
Potenzieller Fraktionschef
Als Haudrauf präsentierte sich der Abgeordnete des Wahlkreises Nürnberger Land in Neustadt ansonsten eher nicht. Der 46-Jährige gilt im Landtag als heißer Anwärter auf den Posten von SPD-Fraktionsführer Franz Maget. Er wirkt ähnlich freundlich, ausgleichend und eloquent, hat sich aber mit der Sozialpolitik einen Schwerpunkt gesucht, der arbeitsreicher kaum sein könnte.
Das machte seine Analyse des Sozialberichts der Staatsregierung
deutlich. So habe Bayern einen überdurchschnittlich hohen Anteil an
Geld- und Immobilienvermögen. Allerdings sei dieser sehr ungleich verteilt. So hielten 50 Prozent der Haushalte 6,4 Prozent des Gesamtvermögens und 30 Prozent der Haushalte weniger als ein Prozent des Besitzes. Gleichzeitig seien im Freistaat zwischen 2002 und 2006 die Einkommen aus Vermögen gestiegen, während die Lohnquote geschrumpft sei und zugleich die Zahl der Beschäftigten
im Niedriglohnbereich rasant zugelegt habe. „Da entwickelt sich etwas
auseinander, was uns vor ganz große Probleme stellen wird.“
Beyer warnte Sozialministerin Christine Haderthauer davor, an die
Gemeinnützigkeit beim Bau von Altenheimen Hand anzulegen. „Wir haben 2020 in Bayern 417 000 Menschen, die gepflegt werden müssen.“
Und nicht nur deswegen müsse man sich Sorgen machen. In zwei Jahren seien die Rücklagen für die staatliche Stütze der Bayerischen Landesbank aufgebraucht. „Dann kommen riesige Einschnitte auf uns zu. 2004 ist die Staatsregierung unter Stoiber nicht einmal davor zurückgeschreckt, das Blindengeld zu kürzen.“
Der promovierte Jurist aus Franken erkannte aber durchaus auch Positives in der bayerischen Politik, etwa die Ehrenamtsversicherung oder Überlegungen in allen Fraktionen, eine Ehrenamtskarte einzuführen. Pläne dazu stünden noch ganz am Anfang, Beyer rechnet aber damit, dass diese Karte 2009 noch kommen könnte. Sie könnte etwa dazu dienen, dass die ehrenamtliche Tagesmütter damit verbilligten Eintritt ins Freibad erhält oder der aktive Feuerwehrmann
günstiger Bus fährt.
Bittere Statistik
Davon hätten gerade die Regionen mit hohem Anteil an bürgerschaftlich engagierten Leuten etwas. Auch wenn das kein echter Trost sein kann, wie Annette Karl weiß: „In der Nordoberpfalz
sind die Einkommen und die Geburtenraten niedriger als im bayerischen Durchschnitt. Und die Lebenserwartung liegt fünf Jahre unter der im Münchner Speckgürtel.“
Artikel und Foto aus oberpfalznetz.de