Es ist nur ein kleiner Satz, aber er könnte viel bewegen: Wenn in der Berufsschulordnung stünde, dass Teile des Praktikums verpflichtend im Ausland zu leisten sind, hätten es die Wiesauer „Hotis“ viel leichter. Denn dann würde für die angehenden „Hotel- und Tourismusmanager“ in dieser Zeit auch das Bundesausbildungsförderungsgesetz gelten. So müssen die Schüler selbst für die Unkosten aufkommen. Nur eines der Probleme, die Oberstudienrat André Putzlocher und der Leiter des Beruflichen Schulzentrums, Dr. Wolfgang Eckstein, ihren interessierten Besuchern mit auf den Weg gaben.
Der Arbeitskreis Wirtschaft der SPD-Landtagsfraktion interessierte sich brennend für das Wiesauer Modell,
mit dem Schüler in drei Jahren neben ihrem Beruf auch gleich noch die Fachhochschulreife erwerben
können. Mit besten Perspektiven für den Beruf. Eine Erfolgsgeschichte, die so gut läuft, dass es in Bayern
mittlerweile fünf weitere derartigen Schulen gibt, darunter drei staatliche. Dennoch ist die Nachfrage weiterhin
ungebrochen. Anfragen kommen praktisch aus aller Welt. Weil in Wiesau 23 Berufsfelder gelernt werden können, sprach Oberstudienrat Putzlocher auch von einer Art „Schweizer Messer“ für den Dschungel der Touristikbranche. „Mir liegt die ganze Welt zu Füßen“, begründete auch eine junge Dame aus Ecuador ihre Schulkarriere in Wiesau. Im Internet war sie auf die Ausbildungsmöglichkeit hier aufmerksam geworden. Mit zwei Klassenkameradinnen war sie jetzt in Bali im Praktikum. Eine andere Absolventin hat ein Angebot aus dem Oman. „Nicht nur sprachlich fit, auch menschlich gereift kommen die jungen Leute von ihren Auslandseinsätzen zurück“, machte Dr. Eckstein deutlich. Aber er könne nicht jedes Jahr auf Bettelreise gehen, um das den jungen Leuten zu ermöglichen. Mit rund 60 000 Euro hat der Förderverein bereits die Praktika bezuschusst.
In 20 Ländern machen die angehenden Hotel- und Touristikmanager ihre ersten beruflichen Erfahrungen.
Die Pionierarbeit der Wiesauer lobte Annette Karl, Sprecherin ländlicher Raum in der SPD-Fraktion. Ihr tourismuspolitischer Kollege Dr. Paul Wengert sah im Tourismus auch die Leitbranche in Bayern. Professor Dr. Werner Widuckel, ehemaliges Mitglied des Audi-Vorstandes und jetzt
wirtschaftspolitischer Berater von SPD-Spitzenkandidat Christian Ude, riet André Putzlocher nicht nur jetzt
die Ausbildung, sondern mit Blick auf den demografischen Wandel später auch Weiterbildung anzubieten.
Beste Berufsaussichten haben auch die Absolventen der EDV-Schulen. „Die haben oft schon Vorverträge in den Taschen“, erzählte Dr. Eckstein. „Und rund 80 Prozent bleiben der Region erhalten, weil wir hier Firmen
von Weltruf haben.“ Nicht ausgeklammert blieb bei dem Gespräch auch die Berufsschulreform, wonach
beispielsweise Maurer in Neumarkt oder Landwirte in Weiden zur Berufsschule gehen müssen, was bei fehlender Verkehrsanbindung zu reichlich Problemen führt. Seit über zehn Jahren ist im Landkreis schon kein
Elektriker mehr ausgebildet worden. Deshalb wollte MdL Bernhard Roos auch eine bedarfsgerechte Ausbildung, „die sich an Klassen orientiert und nicht an Kopfzahlen.“ „Wenn die Ausbildung weg ist, sind
bald auch die Betriebe weg“, wusste Professor Widuckel und erzählte am Beispiel der Boomstadt Ingolstadt,
dass extern angeworbene Arbeitskräfte wieder weggehen, weil sie zwar mehr verdienten, aber noch mehr für den Lebensunterhalt ausgeben müssen.
(Quelle: Der Neue Tag, 10 April 2013, Berthold Zeitler)